Jahresrückblick einer freiberuflichen Kulturschaffenden

So viel Positives ich als Vorsitzende des Vereins dem Jahr 2020 abgewinnen konnte, so frustrierend und traurig war für mich als freischaffende Künstlerin dieses Jahr.
Dabei war es weniger das Virus und die Maßnahmen an sich, sondern der Umgang der Regierung mit uns Künstlern. Als erste in den Lockdown zu müssen, und als letzte wieder daraus raus, dann die mehr als holprigen und teilweise unzureichenden Hilfen. Immer noch fallen Kollegen, die sich normalerweise von einem zum nächsten Gastspielvertrag durch ihr Arbeitsleben bewegen, aus dem Raster und sind auf ALG II, also HartzIV, angewiesen. Immer noch werden durch die Hilfsprogramme nicht alle Kultur- und Kreativschaffenden erreicht. Und wieder Lockdown. Kein Ende in Sicht. Und er wird stiller. Je länger er dauert.

Ich merke es an mir selbst: im ersten Lockdown war ich noch voller Elan, wollte mich nicht unterkriegen lassen und auch auf den digitalen Zug aufspringen: wir drehten die K3-Talks, bereiteten die Dreharbeiten für das Traumfresserchen vor. Dann in der kurzen Phase der Pandemie-Entspannung: Umgewöhnung an Theater auf Abstand, AHA- Regeln und Hygienepläne. Die Stücke pandemiesicher uminszenieren, mühsam, aber machbar. Einzelne, sehr liebgewonnene Projekte wie das Musical der Jugendlichen und das der Musical-AG der Realschule: gänzlich gestrichen. Und dann 4 Wochen vor den geplanten Premieren: erneuter Lockdown. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: die Entscheidung des erneuten Lockdowns zweifle ich in keinster Weise an. Meinem Empfinden nach war er eher zu spät und der Lockdown light zu inkonsequent. Da die Zahlen jedoch unverändert hoch sind und momentan kein Ende in Sicht ist, merke ich, wie ich zunehmend müde und mürbe werde.

Erreichten mich im ersten Lockdown und im Sommer über Facebook noch viele Videos, humorvolle und kreative Clips sowie Online-Schulungs-Angebote für digitalen Theaterunterricht, so weicht dieser Aktivismus allenthalben einer Verstummung.
Die Klopapier-Challenges der Musikvereine und Chöre sind im Sommer der Hit gewesen, die Online-Impro-Theater kurz mal eine Abwechslung, einzelne Streaming-Aufführungen von Theatern lassen mich jedoch eher kalt und im strengen Lockdown des Winters scheint alle Kreativität in eine Art Winterstarre zu fallen.

Gelähmt schaue ich auf die steigenden Zahlen und die Demonstrationen unbegreiflicher Corona-Leugner, Maskenverweigerer und Querdenker. Dabei muss ich aufpassen diese Menschen nicht mit Hass und Verachtung zu betrachten. Und doch möchte ich denen gerne sagen: weil ihr mit eurem Egoismus, eurer YouTube-Bildung und eurer Ignoranz gegenüber der Wissenschaft das Pandemiegeschehen in die Höhe treibt, dürfen Millionen Kulturschaffende nicht arbeiten, bleiben Theater, Kinos, Konzertsäle trotz AHA- Regeln und ausgefeilten Hygienekonzepten wohl noch bis ins Frühjahr hinein geschlossen und werden weiter Menschen angesteckt, erkranken und sterben.
Bei diesem Gedankengang nicht in Hass und Verachtung zu verfallen ist momentan meine einzige kreativ-buddhistische Leistung.

„Ohne uns wird’s still.“ Das war der Slogan, um die Politik auf uns aufmerksam zu machen. Mit „Alarmstufe rot“ gab es erstmals einen großen Zusammenschluss der Kultur- und Kreativwirtschaft. Ob in 2021 eine gerechtere Verteilung der Hilfsgelder damit erreicht wird? Ich hoffe es.

Doch was, wenn es vielen anderen, wie mir ergeht und wir still, müde und mürbe werden und bleiben? Unsere Kreativität in dem Schmerz ob der Kränkung „nicht-wichtig-zu-sein“ erstarrt und nicht mehr so recht erblühen will?
Dabei brauchen wir angesichts der gesellschaftlichen Situation mit Erstarken rechtsradikalen Gedankengutes, ansteigendem Antisemitismus und Rassismus und der Bedrohung durch den Klimawandel unbedingt Kreativität, neue Ideen, gesellschaftliche Diskussion. Kunst war schon immer ein Antrieb der Entwicklung einer Gesellschaft und ist notwendiger denn je.

Hoffen wir, dass sie aus dem Lockdown wieder bunt, wild, laut, kritisch, innovativ, ideenreich, verbindend, versöhnend, leise, zart, schillernd und lebendig erwacht.

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