08.07.16 Video-Hike Winterlingen: Tankstelle wird zum Tanzclub

In der Tankstelle am Winterlinger Ortsende kehrt für kurze Zeit wieder Leben ein.Nebenan erfüllt sich der Wusch einer jungen Winterlingerin, die von einem großen Kleidergeschäft träumt. In seinem künstlerischen Projekt „Video-Hike Winterlingen“setzt sich Regisseur Tobias Rausch (Mitte im Bild unten rechts) mit dem Strukturwandelauf der Alb auseinander. Unterstützung gibt’s von Laienschauspielern.
alle Fotos von Olga Haug. Winterlingen, 08.07.2016 von Olga Haug

Video-Hike Winterlingen:
Tankstelle wird zum Tanzclub – Leere Räume künstlerisch mit Wünschen der Bürger füllen

Auf der Wunschliste der Winterlinger stehen unter anderem ein Tanzlokal und ein großes Kleidergeschäft. Diese Wünsche erfüllt Regisseur Rausch – im Rahmen des Projekts „Video-Hike Winterlingen“.

Regisseur Tobias Rausch gibt letzte Anweisungen, dann fällt die Klappe und die Kamera läuft. Der Drehort: Die ehemalige Tankstelle am Winterlinger Ortsende. Die leeren Räume werden wieder mit Leben gefüllt. Durch das Schaufenster des einstigen Verkaufsraumes sieht man einen Mann im schicken blauen Anzug, der von Kindern in Fußballtrikots mit Rosenblüten beworfen wird.

Nebenan erwacht im leeren Geräteraum ein Tanzlokal zum Leben. Es ertönt schwungvoller Rock ’n‘ Roll, durch die matten Scheiben erkennt man bunte Discolichter und tanzende Silhouetten. Im Gebäude rechts leuchtet der Schriftzug New Yorker entgegen.

Verantwortlich für die skurrilen Szenen sind der Berliner Regisseur und Autor Tobias Rausch und sein Team, das von zwei Filmemachern der Filmakademie Baden-Württemberg aus Ludwigsburg unterstützt wird. Das Projekt, das im Auftrag und in Zusammenarbeit mit dem Landestheater Tübingen (LTT ) erfolgt, soll den Strukturwandel auf der Schwäbischen Alb thematisieren.

Sechs Kurzfilme an sechs Drehorten sind geplant, die in einem sogenannten Video-Hike (Video-Wanderung) per GPS-gesteuerter APP aufgesucht werden können. Wer vor die Tankstelle tritt, sieht leere Räume hinter verschlossenen Glastüren. Leblos und trist wirkt der Ort, der einst eine zentrale Funktion hatte. Öffnet man das dazugehörige Video, zeigt sich hingegen eine völlig andere Szenerie – die Wirklichkeit wird künstlerisch überschrieben.

In seiner vorhergegangenen Recherche erfragte Rausch, was sich die Winterlinger für die Zukunft wünschen und was ihnen in ihrer Gemeinde fehlt. Rausch erhielt unterschiedliche Antworten: Mustafa Noori beispielsweise wünscht sich, zu heiraten und Fußball zu spielen. Prompt wurde er Teil des Laienschauspielteams und verkörpert in der Szene seine eigenen Wünsche. Noori ist nämlich jener Mann im blauen Anzug, der im Video von Kindern in Fußballtrikots mit Rosenblättern beworfen wird.

 Eine Bürgerin wünscht sich ein Tanzlokal, in dem Rock ’n‘ Roll gespielt wird, erzählt Franziska Weber, künstlerische Produktionsleiterin vom LTT. Und einer Jugendlichen fehlt ein Laden, in dem sie mit ihren Freundinnen ausgiebig shoppen kann. Die Tankstelle mit den angrenzenden Räumen wird also zu einem Ort, der auf künstlerischer Ebene mit Wünschen der Winterlinger bespielt wird. Zugleich wird ein entscheidender Faktor des Strukturwandels aufgezeigt: Leerstand.

Der Dreh sei stressig, sagt Rausch im Vorbeigehen. Das sei ein völlig anders Arbeiten wie am Theater, das er eigentlich gewöhnt ist. Dennoch hat der Regisseur augenscheinlich alles unter Kontrolle und hat nach jedem Dreh nur lobende Worte für seine Schauspieler übrig.

 

Die Akteure sind allesamt Laien: Kinder und Jugendliche vom Winterlinger Kleinkunsttheater K3, Lydia Pfaff, die eine Schicksalsgöttin verkörpert, und zwei Tübinger Studenten. Michael Kahl-Adams spielt am LTT und kam so in Berührung mit dem Pilotprojekt. Er und Kommilitonin Lucia Windhoff sind in Sachen Rock ’n‘ Roll auch nur Laien, lassen sich das im Video aber nicht anmerken.

Das Glücken des Projekts hängt allein von der Unterstützung und der Begeisterung der Freiwilligen ab, sagt Rausch. Neben der Kleinkunstbühne sind auch beispielsweise Chöre, Musikvereine, die Vetterzunft oder die Grund- und Werkrealschule dabei.

Der nächste Drehort wird draußen in der Natur sein. Schafe sind das Thema. Schafe, die es nach Einschätzung des Regisseurs auf der Alb nur noch wenige gibt, oder zumindest die Wanderschäfer. Ebenso ein Thema, das Rausch unter dem Oberbegriff Strukturwandel behandeln will.

Anfangs nannte er sein Projekt noch „Die Schafe sind weg“. Doch der Verlust der Wanderschäferei sei nur ein Aspekt des Strukturwandels. Zudem sei dies kein guter Name für eine App. „Video-Hike Winterlingen“ nennt sich das Projekt nun – der Einfachheit halber. Ab dem 9. Oktober soll die Applikation für Smartphones und Tablets frei erhältlich sein.

 

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